02. Mittelalterliches Fachwerk – Kirche

Verblattungen als Kennzeichen

Abb. 1: Im Bund 6 von 1485: das hohe Alter des Hauses ist fast nur noch im Gebäude- innern erkennbar. Blattsassen, wie hier an einem der Stuhlständer und einem Riegel im ersten Dachgeschoss, die Bezug aufeinander nehmen sind untrügliche Kennzeichen.


Abb. 1: Im Bund 6 von 1485: das hohe Alter des Hauses ist fast nur noch im Gebäude-
innern erkennbar. Blattsassen, wie hier an einem der Stuhlständer und einem Riegel im ersten Dachgeschoss, die Bezug aufeinander nehmen sind untrügliche Kennzeichen.

Die ältesten erhaltenen Fachwerkhäuser Nehrens, die Wohnhäuser Im Bund 6 und In der Oper 1 wurde beide im Jahr 1485 errichtet. Im Bund 6 ist durch seinen modernen Außenputz kaum als historisches Gebäude erkennbar, jedoch liegen im Innern des Hauses die Fachwerkhölzer mit den typischen Merkmalen mittelalterlichen Fachwerks offen. Am anschaulichsten ist das mittelalterliche Fachwerk am außergewöhnlich vollständig erhaltenen Südgiebel des Dachwerks von In der Oper 1 zu sehen: Charakteristisch sind die „Blattverbindungen“, bei denen die „Blattenden“ der schräg verlaufenden, das Gerüst aussteifenden Hölzer („Bänder“) in die „Blattsassen“ an den senkrechten und waagrechten Bauteilen eingepasst wurden. Nur noch fünf Gebäude in Nehren zeigen äußerlich Spuren dieser mittelalterlichen Abzimmerungsform. Meist handelt es sich dabei um die Blattsassen an den senkrechten und waagrechten Hölzern, während die darin eingepassten Bänder bei späteren Umbauten verloren gegangen sind.

Abb. 2: Im Bund 1 von 1493: Mittelalterliches Fachwerk an der Giebelseite: Das obere Stockwerk ist auf der außen durchgängig sichtbaren Dielung abgezimmert, die Teil der Decke über dem Erdstock und zugleich den Fußboden des Oberstocks bildet. Alle schräg verlaufenden Aussteifungshölzer von 1493 sind verblattet abgezimmert und die Blattverbindungen mit Holznägeln gesichert. Als Wandschwelle dienen zwischen die Ständer gezapfte Schwellriegel. Knaggen unterstützen die vorstehenden Längsrähme, über die ein Überstand („Vorkragung“) des Dachgiebels erreicht wird.

Abb. 2: Im Bund 1 von 1493: Mittelalterliches Fachwerk an der Giebelseite: Das obere Stockwerk ist auf der außen durchgängig sichtbaren Dielung abgezimmert, die Teil der Decke über dem Erdstock und zugleich den Fußboden des Oberstocks bildet. Alle schräg verlaufenden Aussteifungshölzer von 1493 sind verblattet abgezimmert und die Blattverbindungen mit Holznägeln gesichert. Als Wandschwelle dienen zwischen die Ständer gezapfte Schwellriegel. Knaggen unterstützen die vorstehenden Längsrähme, über die ein Überstand („Vorkragung“) des Dachgiebels erreicht wird.

Abb. 3: Hauptstraße 12 von 1516: mittelalterliche Bretterbalkendecke der großen Stube im Erdgeschoss.

Abb. 3: Hauptstraße 12 von 1516: mittelalterliche Bretterbalkendecke der großen Stube im Erdgeschoss.

Wärmedämmung vor über 500  Jahren

Bei Wohnhäusern fällt die überraschend große Raumhöhe des Wohnstocks ins Auge. Sie ermöglichte die Anlage einer abgehängt unter dem Deckengebälk eingebauten Bretterbalkendecke, die bei den älteren Häusern zumeist leicht gewölbt war. Im Zusammenspiel mit den häufig mit Bohlen geschlossenen Wänden bezweckte sie eine ausreichende Wärmedämmung der Wohnstube, dem einzigen beheizbaren und zugleich rauchfreien Raum im Hause.

Moderne Schale – rustikaler Kern: Nehrens älteste Scheunen

Die ältesten Scheunen im Ort stammen aus der Zeit nach 1535. Im Innern besitzen sie teils noch bis weit in die zweite Hälfte des 16. Jahrunderts hinein mittelalterliche Abzimmerungsformen. Ihre Fassaden zeigen dagegen bereits neuzeitliches Fachwerk, bei dem die aussteifenden Schräghölzer („Streben“) an beiden Enden verzapft ausgeführten wurden.

Abb. 5a und b:  Scheune Hauptstraße 33 – 1 von 1537: Die Rekon- struktionsskizze des Querschnitts durch die Tenne zeigt das klassische Bild einer spätmittelalterlichen Scheune mit ausschließlich verblattet ausgeführten Aussteifungshölzern. Der unten gezeigte Giebel mit den verzapften Streben ist dagegen zimmermannstechnisch auf der Höhe der Zeit. Sogenanntes „übergangszeitliches“ Fachwerk mit Relikten mittelalterlicher Abzimmerungstechnik findet sich in Nehren noch bis in die Zeit um 1570.

Abb. 5a und b: Scheune Hauptstraße 33 – 1 von 1537: Die Rekonstruktionsskizze des Querschnitts durch die Tenne zeigt das klassische Bild einer spätmittelalterlichen Scheune mit ausschließlich verblattet ausgeführten Aussteifungshölzern. Der unten gezeigte Giebel mit den verzapften Streben ist dagegen zimmermannstechnisch auf der Höhe der Zeit. Sogenanntes „übergangszeitliches“ Fachwerk mit Relikten mittelalterlicher Abzimmerungstechnik findet sich in Nehren noch bis in die Zeit um 1570.

Abb. 4a und b:  Oper 1 von 1485: In einer Zeichnung Friedrich August  Köhlers von 1801 ist das nördliche Ende der westlichen Giebelseite des Hauses dargestellt. Am oberen Stockwerk sind vermutlich im 16. Jahrhundert erneuerte Zugläden der Stubenfenster erkennbar, wie sie am Beispiel rechts in (Tübingen, Judengasse 5) in unmittelbar vergleichbarer Form rekonstruiert wurden. Zugläden dienten zum Schutz der wertvollen Glasfenster. Im Mittel- alter und noch lange Zeit danach waren Glasfenster aus Kostengründen nur bei Stuben üblich. Dafür waren sie als einzige natürliche Lichtquelle zugleich winddicht und hielten so die Wärme in der Stube.

Abb. 4a und b: Oper 1 von 1485: In einer Zeichnung Friedrich August Köhlers von 1801 ist das nördliche Ende der westlichen Giebelseite des Hauses dargestellt. Am oberen Stockwerk sind vermutlich im 16. Jahrhundert erneuerte Zugläden der Stubenfenster erkennbar, wie sie am Beispiel rechts in (Tübingen, Judengasse 5) in unmittelbar vergleichbarer Form rekonstruiert wurden. Zugläden dienten zum Schutz der wertvollen Glasfenster.

Im Mittelalter und noch lange Zeit danach waren Glasfenster aus Kostengründen nur bei Stuben üblich. Dafür waren sie als einzige natürliche Lichtquelle zugleich winddicht und hielten so die Wärme in der Stube.


Abb. 6: Grundriss der ehemaligen Hauchlinger Pfarrkirche von 1430 mit den 1511/12 im Zuge der Turmerhöhung angefügten Strebepfeilern.

Abb. 6: Grundriss der ehemaligen Hauchlinger Pfarrkirche von 1430 mit den 1511/12 im Zuge der Turmerhöhung angefügten Strebepfeilern.

Abb. 7: Schnitt durch das Langhaus und Westansicht des Turmes mit den verschiedenen Bauetappen 1430, 1511 – 12 und 1720 – 21.

Abb. 7: Schnitt durch das Langhaus und Westansicht des Turmes mit den verschiedenen Bauetappen 1430, 1511 – 12 und 1720 – 21.

Die spätgotische Pfarrkirche von Hauchlingen

Die spätgotische Veitskirche ist wie so häufig das älteste aufrecht stehende Gebäude im Ort. 1430 wurde sie mit dreiseitig geschlossenem Chor, einem in gleicher Breite weitergeführten Langhaussaal und dem seitlichem Glockenturm an der Chornordseite errichtet. 1511 wurde der massive Schaft des Turm um zwei Geschosse erhöht und erhielt im Jahr darauf seinen ebenso markanten wie außergewöhnlichen, zweistöckigen Fachwerkaufsatz. Originales Fachwerk findet sich noch im unteren Stockwerk, dessen Außenwände das älteste Beispiel neuzeitlichen Fachwerks in Nehren darstellen. Die Fachwerk im oberen Stockwerk wurden 1720 zur Neuanlage der Schallfenster ersetzt. Seit der Fachwerkfreilegung 1980 bildet der Turm wieder von weit her sichtbar das Nehrener Wahrzeichen. Im Glockengeschoss des Turmes hängt noch eine Glocke, die im Jahr der Turmvollendung 1512 gegossen wurde.

Abb. 8: Die Glocke von 1512 mit dem Bildnis  des Hl. Theodul.

Abb. 8: Die Glocke von 1512 mit dem Bildnis des Hl. Theodul.

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Veit bis zur Reformation

Bis zur kirchenrechtlichen Zusammenlegung von Nehren und Hauchlingen im Jahr 1504 war das 1275 erstmals genannte Gotteshaus die Hauchlinger Pfarrkirche. Dabei handelte es sich um einen langgestreckten Rechtecksaal mit dreiseitig geschlossenem, vom Langhaus durch einen eingestellten Chorbogen abgetrenntem Chor und nördlichem Chorseitturm. Das Langhaus der Kirche war aufgrund der rekonstruierbaren Höhe des Chorbogens einst vermutlich mit einer Holztonne überwölbt, während der Chor vielleicht sogar ein Steinrippengewölbe besaß. Auf die Funktion als Pfarrkirche weisen noch der achteckige, in vorreformatorischer Form ausgehöhlte Taufstein und die Kirchhofmauer (= Friedhofmauer) hin. Zumindest im ausgehenden Mittelalter war die Kirche dem hl. Veit geweiht. Nach Angaben von 1554 bildete sie jährlich das Ziel einer großen Wallfahrt und Schauplatz des an heidnische Zeiten anknüpfenden Veitstanzes. Nehren besaß keine eigene Pfarrkirche und war bis 1504 nach Ofterdingen eingepfarrt. So mussten die Nehrener ihre Toten vor 1504 auf den Ofterdinger Kirchhof am Kirchberg bringen.

Abb. 4a + b: Meisterzeichen des Baumeisters von 1512 am obersten Gesims des Turmes. Der Baumeister stammt vermutlich aus der Bauhütte des Klosters Bebenhausen, und findet sich auch an den Chorgewölben der Kirchen in Echter- dingen und Backnang. Vom jüngeren Chor- dachwerk konservierte Farbfassung des Kirchturms von 1512.

Abb. 9a + b: Meisterzeichen des Baumeisters von 1512 am obersten Gesims des Turmes. Der Baumeister stammt vermutlich aus der Bauhütte des Klosters Bebenhausen, und findet sich auch an den Chorgewölben der Kirchen in Echterdingen und Backnang.
Vom jüngeren Chordachwerk konservierte Farbfassung des Kirchturms von 1512.

Abb. 10: Ein letztes vorreformatorisches Zeugnis der Hauchlinger Pfarrkirche: der spätgotische Taufstein der Zeit um 1500.

Abb. 10: Ein letztes vorreformatorisches Zeugnis der Hauchlinger Pfarrkirche: der spätgotische Taufstein der Zeit um 1500.

Die nachgotisch erweiterte „evangelische Kirche“

Die 1534 eingeführte durch Württemberg eingeführte Reformation bedeutete für die Pfarrkirche den Verlust ihres Patroziniums. Seitdem ist sie die „Evangelische Kirche“ von Nehren. 1554 wurden schließlich bei Androhung schwerer Strafe die Wallfahrt und der Veitstanz verboten. Nach der 1504 kirchlich und 1543 auch politsch erfolgten Zusammenlegung der Nehrener Teilorte war die alte Pfarrkirche zu klein geworden. Doch erst 1587 trug man durch die Erweiterung des Kirchenschiffs nach Norden und den Einbau einer Westempore im Innern der gestiegenen Zahl an Gemeindemitgliedern baulich Rechnung trug. Bemerkenswert ist die „nachgotische“ Ausformung der neuen Spitzbogenportale im Süden und Westen sowie der breiten Nordfenster, die mitten in der Blütezeit der Renaissance spätgotisches Fischblasenmaßwerk erhielten, Auf die Stilepoche der Renaissance verweisen allenfalls kleinere bauliche Details. 1720/21 wurde auch der zuvor schon vorhandene Dachreiter mit seinem „Zimbelglöckchen“ durch die bestehende Konstruktion ersetzt. Um 1916 wäre die Kirche beinahe zugunsten eines Neubaus im Bereich der heutigen Schule abgebrochen worden, was letztlich der zweite Weltkrieg verhinderte. So folgten verschiedene Sanierungen: 1928 wurde die Südempore, 1954 die Orgelempore abgebrochen und die Orgel in die dafür aufgebrochene Turmsüdwand eingefügt. 1960 erhielt das Turmfachwerk seinen letzten Außenputz. 1978 fügte man im Nordosten den achteckigen Sakristeineubau an und 1980 wurde schließlich das Turmfachwerkfreigelegt. Nun steht wieder eine Sanierung der Kirche an.

Abb. 11a: Blick ins Kircheninnere: nach Westen auf die 1587 und 1632 umgebauten Emporen.

Abb. 11a: Blick ins Kircheninnere: nach Westen auf die 1587 und 1632 umgebauten Emporen.

Abb. 11b: Blick ins Kircheninnnere: nach Ost mit dem spätgotischen Chor und der modernen Innenausstattung.

Abb. 11b: Blick ins Kircheninnnere: nach Ost mit dem spätgotischen Chor und der modernen Innenausstattung.

Abbildungsnachweise

Abb. 1 – 3, 4b und 5: Tilmann Marstaller
Abb. 4a: Jürgen Jonas: Nehren und Hauchlingen beieinander – Geschichte und Geschichten aus über 500 Jahren (Nürtingen/Frickenhausen 2004, S. 22 (Ausschnitt).
Abb. 6: Kirchengemeinde Nehren/Architekt Hörz, Überarbeitung Tilmann Marstaller
Abb. 7: H.-J. Bleyer, Metzingen, Überarbeitung Tilmann Marstaller
Abb. 8 – 11a+b: Tilmann Marstaller

von Tilmann Marstaller